Miriam Albracht (Düsseldorf): Keuschheit und Sexualität in Thomas Manns 'Joseph und seine Brüder'

18.12.2014

Programmänderung! Vortrag an der Heinrich-Heine-Universität


Donnerstag, 18. Dezember 2014, Beginn: 18.30 Uhr, Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf. Der Eintritt kostet 5,- Euro, ermäßigt für Studierende und Schüler 3,- Euro, nur Abendkasse. Für Mitglieder unserer Gesellschaft ist der Eintritt frei. Moderation: Dr. Melanie Keutken

Thomas Mann fragt in seinem Werk nach dem "Geheimnis des Rätselwesens Mensch". Dieses Geheimnis wird an ausgeschlossenen, besonderen Individuum ergründet, die einen Weg zurücklegen müssen, der sie aus der gewohnten Ordnung herausführt. In der Regel handelt es sich dabei um eine "Höllenfahrt", eine Hadesfahrt in den realen oder symbolischen Tod. Auch der Protagonist des Joseph-Romans fällt aus der Ordnung – und zwar aus der Ordnung der Geschlechter. Und auch er muss eine Unterweltfahrt antreten. Joseph gefährdet durch sein Spiel mit Männlichkeit und Weiblichkeit das wohlgeordnete patriarchale Konstrukt seiner Familie, das sich durch eindeutig festgelegte Rollen auszeichnet. Joseph ist jedoch nicht gewillt, eine Rolle innerhalb der Familienordnung – und dies bedeutet vor allem innerhalb der Brüderfolge – einzunehmen. Er ist von Anfang an für den Stamm nicht geeignet, denn oberstes Ziel des Stammes ist es, sich zu mehren, ein Volk zu werden. Josephs Keuschheit steht dem entgegen. Seine verweigerte Sexualität ist aber das Primat seines Selbstverständnisses, seiner Beziehung zur Welt und zu Gott. Denn, "die Unterordnung des Persönlichsten unter einen im Sinne des (darwinistischen) Gesetzes von der Erhaltung der Art über das jeweilige Individuum hinausgehenden Zweck, stellt offenbar eine schwere, narzißtische Kränkung dieses Individuums dar […]." (Stefan Nagel: Aussonderung und Erwählung. Die "verzauberten" Helden Thomas Manns und ihre "Erlösung". Frankfurt a.M. 1987, S. 110f.) Sein "Aufgespartsein", sein "Ganzopfer" sind die Aspekte, die sein Selbst konstituieren und die sich nicht mit den Interessen seines Stammes vereinbaren lassen. An dessen Ziel, der Volkwerdung – und dies ist ja auch ausdrücklich Gottes Wille und Wunsch – kann er sich aber gewinnbringend beteiligen, indem er die ernährt und am Leben erhält, die den Stamm weiter zeugen können – seine Brüder, allen voran den in der "Geschlechtshölle" lebenden Juda. Sein Herausfallen aus dieser Ordnung bedeutet also auch den Anstoß für seine Hadesfahrt, die sich als lebensnotwendig für seine Familie erweisen wird.

Ziel meiner Ausführungen ist es, an ausgewählten Beispielen die zunehmende Gefährdung der patriarchalen Familienordnung durch Josephs Keuschheit und durch seine nicht eindeutige Geschlechtlichkeit zu zeigen. Zum anderen möchte ich herausarbeiten, warum Juda der einzige Sohn Jaakobs ist, der ernstlich für den Segen in Frage kommt.

Miriam Albracht. Studium der Germanistik und Politikwissenschaft an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Promotion zum Dr. phil. mit der Arbeit "Ordnung und Gewalt in Thomas Manns Roman Joseph und seine Brüder und der Erzählung Das Gesetz". 

Gründungs- und Vorstandsmitglied der TMGD. Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Germanistik an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Promotionsstipendiatin bei der Stiftung Wissenschaft und Bildung. Vorträge und Publikationen zu Thomas Mann. Forschungsschwerpunkte: Thomas Mann, Literatur im 20. Jahrhundert, Bibel und Literatur, Kultur und Gewalt, Mythos.