Prof. Dr. Jochen Hörisch (Mannheim): Ver/speisen - Die bedeutsame Weisheit des Essens bei Goethe, Fontane und Thomas Mann

29.01.2016

Vortrag im Haus der Universität


Freitag, 29. Januar, 19:30, Haus der Universität (Schadowplatz 14). In Kooperation mit dem Institut für Germanistik der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.
Der Eintritt kostet 7,- Euro, ermäßigt für Studierende und Schüler 5,- Euro, nur Abendkasse. Für Mitglieder unserer Gesellschaft ist der Eintritt frei. Begrüßung/ Moderation: Prof. Dr. Volker C. Dörr / Sebastian Zilles

Wer isst und trinkt, folgt, wenn er denn weiterleben möchte, profanen Imperativen der (um Wendungen aus Fontanes Werken zu zitieren) "gemeinen Lebensnotdurft", wer isst und trinkt, ist jedoch zugleich unweigerlich in "symbolische Handlungen" verstrickt, die "mehr bedeuten als das Mahl selbst". Ein Mahl ist immer auch mehr und weniger als das, was es ist – und dies aus mindestens zwei Gründen. Erstens, weil jedes Mahl und jedes Getränk über seine substantiellen Qualitäten hinaus noch über einen symbolischen Mehrwert verfügt, und zweitens, weil sein Sinn in der Vernichtung seiner Substanz liegt. Der erste Aspekt – die poetische Symbolqualität von Speisen und Tischarrangements aller Art – ist vielfach erforscht und doch anhaltend reizvoll; es macht eben Freude, sich etwa über die erotischen Assoziationen auszulassen, die Äpfel, Spargel, Artischocken, Feigen und Bananen auslösen. Der zweite Aspekt – dass der Sinn des Essens in der Zerstörung des Essens gründet – ist hingegen ein wenig zu offensichtlich, um stets mitbedacht zu werden. Dabei, so die These dieses Vortrages, verdankt sich der symbolisch-semantische Mehrwert des Essens eben gerade der somatischen Zerstörung des Verzehrten, die wiederum der "gemeinen Lebensnotdurft", also der Aufrechterhaltung desjenigen dient, der da isst und trinkt.

Jochen Hörisch. Studium der Germanistik, Philosophie und Geschichte in Düsseldorf, Paris und Heidelberg. Nach der Promotion 1976-88 Assistent bzw. nach der Habilitation (1982) Privatdozent und Professor (C 2) an der Heinrich-Heine-Universität Universität Düsseldorf. Seit 1988 Ordinarius für Neuere Germanistik und Medienanalyse an der Universität Mannheim. Ruf an die University of Virginia in Charlottesville (USA) im Jahr 2000 und Ruf auf den Lehrstuhl "Medientheorien" an der HU Berlin abgelehnt (2002). Längere Gastprofessuren 1986 an der Universität Klagenfurt, 1993 am CIPH und der ENS in Paris, 1996 in Charlottesville (USA/Virginia), 1999 in Princeton (USA), 2002 in Bloomington (USA/Indiana), Kurzzeitdozenturen 2003 in Buenos Aires, 2006 an der EPHE in Paris, 2007 an der Marmara Universität in Istanbul. Vortragstätigkeit im Ausland. Rundfunk- und Fernsehsendungen zu kultur- und medienanalytischen Themen.

Mitglied der europäischen Akademie für Wissenschaften und Künste in Salzburg, der Freien Akademie der Künste in Mannheim und der Freien Akademie der Künste in Hamburg.

Preise: Heynen-Preis der Stadt Düsseldorf 1988; Reimers-Preis der Aby-Warburg Stiftung Hamburg 1999, zweijähriges Stipendium der VW-Stiftung „Pro Geisteswissenschaften / Opus magnum“; Fellow im Forschungsprojekt des Zentrums für Religion, Wirtschaft, Politik (ZRWP - Collegium Helveticum) in Basel über „Ökonomie und Religion“ (2010/2011).

Publikationen (Auswahl).: Die fröhliche Wissenschaft der Poesie (1976); Materialien zur Sprachlosigkeit des Kaspar Hauser. (1979); Gott, Geld und Glück (1983); Das Tier, das es nicht gibt (1986); Die Wut des Verstehens - Zur Kritik der Hermeneutik. (1988); Die andere Goethezeit. (1992); Brot und Wein - Die Poesie des Abendmahls. Ffm (1992); Kopf oder Zahl - Die Poesie des Geldes. (1996); Das Ende der Vorstellung – Die Poesie der Medien. (1999); Der Sinn und die Sinne - Eine Geschichte der Medien. (2001); Es gibt (k)ein richtiges Leben im falschen (2003); Gott, Geld, Medien (2004); Theorie-Apotheke – Eine Handreichung zu den humanwissenschaftlichen Theorien der letzten fünfzig Jahre, einschließlich ihrer Risiken und Nebenwirkungen (2004); Die ungeliebte Universität – Rettet die Alma mater (2006); Das Wissen der Literatur. (2007); Vorletzte Fragen (2007). Bedeutsamkeit – Über den Zusammenhang von Sinn, Zeit und Medien. (2009); Der Takt der Neuzeit – Die Schwellenjahre der Geschichte (2009); Tauschen, Sprechen, Begehren – Eine Kritik der unreinen Vernunft (2011).