Dr. Nils Ritter (Berlin): Joseph und seine Dinge: Majestät, Travestie und Identitäten in 'Joseph und seine Brüder'

18.05.2017

Vortrag im Haus der Universität


Donnerstag, 18. Mai, 19.30 Uhr, Haus der Universität.
Der Eintritt kostet 7,- Euro, ermäßigt für Studierende und Schüler 5,- Euro, nur Abendkasse. Für Mitglieder unserer Gesellschaft ist der Eintritt frei. 
Moderation: Sebastian Zilles

Thomas Manns monumentaler Roman Joseph und seine Brüder ist auch eine Erzählung über Dinge und den ihnen eingeschlossenen narrativen Mustern und Mythologemen. Dinge können eine eigene Agency, also eine Handlungs- und Wirkmacht haben, die zu Betrug, Manipulation, Gewalt, Furor, aber auch zu Vergewisserung, Vertrauen, Vergebung motiviert: Das Fell Esaus und Jaakobs, die Ketônet passîm Rahels und Josephs, das mesopotamische rituelle Inventar Labans, die Waffen und Werkzeuge Schimeons und Levis, die Schälmesserchen Mut-em-enets oder der silberne Becher Josephs und Mai Sachmes – um nur einige aufzulisten - sie alle werden zu Aktanten im Spiel der Figuren um das eigene Ich, um Macht, Überzeugung, Erlösung, Majestät und Identität. Sie helfen, soziale Möglichkeiten, Wahrnehmungen, Botschaften und Beziehungen zu kreieren, zu verstetigen und auch zu zerstören. So lässt sich die immer wieder betonte Schönheit Josephs durch den Erzähler nicht eindeutig geschlechtlich zuweisen und fügt sich nicht in das sonst strikt binär kodierte Weltbild des alttestamentarischen Patriarchats. Dies wird durch die Agency seines bunt schillernden Gewandes getriggert, mit dem Joseph gleich einer Travestie jenseits der Dualität zwischen den Geschlechtern zu oszillieren vermag.

Joseph und seine Brüder ist überdies auch eine Erzählung über das Leben der Dinge und die Verdinglichung des Lebens. Joseph muss zunächst zum stummen Diener, zum dinglichen Inventar einer Audienzhalle im „äffischen Ägypterland“ (IV, 97) werden, bevor er zum Ernährer und somit zum Agens wird und seinen verstorbenen Vater Jaakob zur „Schmuck- und Dauerpuppe des Todes“ (V, 1808) macht.

Der Vortrag wird anhand signifikanter Beispiele versuchen aufzuzeigen, dass Dinge weit über narrative Anschaulichkeit und Symbolhaftigkeit hinausragen können und stattdessen als Mediatoren in den Raum der Erzählung eintreten und Handlungen ermöglichen, inskribieren, verstetigen. In Joseph und seine Brüder sind es oftmals die Dinge, die soziale Möglichkeiten, Botschaften und Beziehungen konstituieren, sie sind real, diskursiv und sozial.

Dr. Nils Christoph Ritter. Studium der Archäologie, Germanistik und Geschichte in Marburg und Berlin. Promotion 2008 in orientalischer Archäologie über persische Siegelsteine. Danach Postdoctoral Fellow am Exzellenzcluster TOPOI und Lehrbeauftragter an der Freien Universität Berlin. Seit 2011 Koordinator von Sonderforschungsbereichen an der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät der Humboldt-Universität und seit 2014 berufsbegleitend Zweitstudium MA Europäische Moderne: Geschichte und Literatur an der FernUniversität in Hagen. Mitglied der Thomas-Mann-Gesellschaft, der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft, des Deutschen Germanistenverbandes und der Deutschen Orient-Gesellschaft.

Forschungs- und Interessensschwerpunkte: Material Culture, Bildtheorie, Handelnde Dinge in der Literatur um 1800, Heinrich von Kleist, Thomas Mann, Lyrik der Moderne, zeitgenössisches Theater.

Publikationen (in Auswahl): Klinische Lyrik. Pathologie und Agency bei Georg Heym, Gottfried Benn und Franz Werfel. In: Werfels literarische Modernen? Zwischen Expressionismus, Katholizismus und Humanismus. Hg. von Torsten Voß und Sebastian Zilles (in Vorb.); 100 Wörter zum Thema Spur. In: Sachen mit Wörtern. Zeitschrift für Literatur und Ähnliches, Nr. 7 (2016), S. 60; Gemstones in pre-Islamic Persia: Social and Symbolic Meanings of Seals. In: Gemstones in the first Millennium AD: Mines, Trade, Workshops and Symbolism. Hg. von Dieter Quast. Mainz: Zabern (im Druck); On the development of Sasanian seals and sealing practice: A Mesopotamian Approach. In: Seals and Sealing Practices in the Near East. Hg. von Kim Duistermaat. Leiden: Peeters 2012, S. 99-114; „Er hatte den Kopf eines Löwen, die Hände eines Menschen und die Füße eines Vogels…“ Mischwesen in Babylonien und Assyrien. In: Wege der Sphinx – Monster zwischen Orient und Okzident. Hg. von Lorenz Winkler-Horacek. Rahden: Leidorf 2011, S. 51-65; Die altorientalischen Traditionen der sasanidischen Glyptik. Form – Gebrauch – Ikonographie. Wien: LIT 2010 [Wiener Offene Orientalistik 9]; Altorientalische Ikonographie in neuem Gewand. Zur Darstellung Daniels in der Löwengrube auf einer spätantiken Tonlampe aus Tell Feherīye. In: Fundstellen. Gesammelte Schriften zur Archäologie und Geschichte Altvorderasiens ad honorem Hartmut Kühne. Hg. von Dominik Bonatz et al. Wiesbaden: Harrassowitz 2008, S. 163-175.