Hannah Rieger (Kiel): "Wer also läutet die Glocken Roms?" 'Der Erwählte' und die kunstreligiöse Inszenierung Thomas Manns

11.02.2016

Vortrag im Haus der Universität


Donnerstag, 11. Februar, 19:30, Haus der Universität (Schadowplatz 14).
Der Eintritt kostet 7,- Euro, ermäßigt für Studierende und Schüler 5,- Euro, nur Abendkasse. Für Mitglieder unserer Gesellschaft ist der Eintritt frei. Moderation: Peter Klingel

 

Im Erwählten bearbeitet Thomas Mann seine streng dem Christentum verpflichtete Vorlage – Hartmanns von Aue Gregorius – in einer Weise, welche die dargestellte Legende religiösen Grundwerten unterwirft, die er auch außerhalb des Romans vertritt. Durch die Anreicherung mit Elementen aus Psychologie, Mythologie und Philosophie schöpft Mann ein synkretistisch verändertes Christentum, das nicht nur beschrieben, sondern vielmehr zum Teil einer kunstreligiösen Inszenierung von Werk und Autor wird.

Über die Stellung im Gesamtwerk und die Suggestion einer lebensweltlichen Relevanz dieser literarisch erschaffenen Religion reguliert Mann eine kunstreligiöse Inszenierung, die, anders als in seiner frühen Phase und anders als bei Wagner, George oder Nietzsche, nicht in Konkurrenz zum Christentum, sondern in Korrespondenz zu ebendiesem steht. Der Roman wird dabei doppelt funktionalisiert. Er ist erstens als Erschaffung einer Religion, vielleicht sogar als Gründungsmythos derselben, zu lesen. Zweitens ist er zugleich auch der Versuch, genau jene aus dem Werk hervorgehenden Instanzen zur Gnade bewegen zu können. Damit wird der Roman Der Erwählte als ein Scharnier in der Lebenslegende Thomas Manns lesbar, der sein verändertes Verhältnis zur Religion nicht nur abbildet, sondern mit dem dieses aktiv gestaltet wird.

Am Ende seines Gesamtwerks, das Hermann Kurzke als "eine riesige Beichte, die Selbstrechtfertigung eines Sünders vor Gott und den Menschen" bezeichnet, steht sein "Werkchen", aus dem eine Religion mit einem Oberhaupt hervorgeht, welches das Absolvo te endlich sprechen kann. 

Hannah Rieger ist Preisträgerin des Thomas Mann-Förderpreises 2015.